Bekannte Autoren zur Liturgie

Interviews, Meditationen, Statements

Inhalt:

  1. Für Klarheit und Handlungssicherheit sorgen
  2. Liturgiegeschichte – Ballast oder Wegweiser?
  3. Liturgie, die; der Gottesdienst; das gemeinsame Tun

Für Klarheit und Handlungssicherheit sorgen – Domkapitular Franz Vogelgesang zu Fragen um Wortgottesfeiern und Eucharistie

Die ersten Leiter und Leiterinnen von Wortgottesfeiern treten gerade mit bischöflicher Beauftragung ihren Dienst an. In den vergangenen Wochen gab es im »pilger« eine rege Diskussion über die Sinnhaftigkeit dieser Feiern. Es ist eine gewisse Verunsicherung eingetreten. Was sagt »Speyer« dazu? Wir haben mit dem Leiter der Hauptabteilung Seelsorge im Bischöflichen Ordinariat, Domkapitular Franz Vogelgesang, gesprochen.

Woher kommt die aktuelle Diskussion um Wortgottesfeiern?

Als Leiter der Hauptabteilung Seelsorge melde ich mich heute nicht einfach zu Wort oder leiste einen Diskussionsbeitrag. Mein Anliegen ist vielmehr — auch in enger Abstimmung mit unserem Bischof die Position des Bistums zu beschreiben und auch noch einmal die Argumente zu erläutern. Damit möchte ich auch für Klarheit und Handlungssicherheit sorgen. Dies geschieht auch mit meinem herzlichen Dank all denjenigen gegenüber, die beim ersten Ausbildungskurs dabei gewesen sind. Die Diskussion um Wortgottesfeiern hat eine längere Geschichte. Schon im Pastoralplan 1993 waren Wortgottesdienste vorgesehen. Damals hieß es ausdrücklich, die Wortgottesdienste finden in der Regel ohne Kommunionspendung statt. In der Praxis wurde das teilweise sehr unterschiedlich gehandhabt.

Der revidierte Pastoralplan von 2007 hat die Wortgottesfeiern – so der neue Begriff, der sich mittlerweile eingebürgert hatte – nicht in Frage gestellt, aber mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass sie ohne Kommunionspendung zu halten sind. Dem vorausgegangen war in der Liturgiewissenschaft eine Neubesinnung auf die Feier des Wortes Gottes als einer eigenständigen Gottesdienstform, die nicht durch eine damit verbundene Kommunionspendung aufgewertet werden muss. Natürlich wurde auch 2007 schon geregelt, dass für sonntägliche Wortgottesfeiern immer die von der Kirche vorgeschriebenen Lesungstexte verbindlich sind, um die Einheit mit dem Gottesdienst der Kirche zu wahren.

Heißt das, dass sich auch liturgie-theologisch etwas getan hat?

Ja, das ist in mehrfacher Hinsicht richtig. Zunächst einmal ist völlig unbestreitbar, dass die Eucharistiefeier im Mittelpunkt des ganzen Lebens der Kirche steht. Sie feiert ja den Tod und die Auferstehung Christi als den Grund unserer Erlösung. Sie wird aber nicht dadurch aufgewertet, dass sich das liturgische Leben auf sie reduziert, sondern sie braucht geradezu die Einbettung in eine vielfältige Landschaft unterschiedlicher persönlicher und in Gemeinschaft vollzogener Gebets- und Feierformen.

Diese Vielfalt hat die katholische Kirche schon immer ausgezeichnet, und jede Zeit hat hier auch Neues dazu beigetragen, je nach den spezifischen pastoralen Herausforderungen. Eine gewisse »Monopolisierung« der Eucharistiefeier, wie sie unser Seelsorgekonzept »Der Geist ist es, der lebendig macht« in seinem Analyseteil feststellt, hat keine lange Tradition. Es ist eigentlich eher ein Phänomen der letzten Jahrzehnte nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Daher ist eine Wiederbelebung der liturgischen Vielfalt nicht nur wünschenswert, sondern auch notwendig, um die Eucharistiefeier als »Quelle und Höhepunkt« des kirchlichen Lebens nicht zu isolieren und nur noch für eine Schar Eingeschworener zugänglich zu erhalten.

Was meinen Sie konkret damit?

Wenn zur Eucharistiefeier nicht grundlegend das Gebet – ob privat zu Hause oder in Gemeinschaft – hinzutritt, fehlen im eigentlichen Sinn Grundvollzüge, die eine Heilige Messe erst fruchtbar machen. Einzelne Beter/innen könnten sich deswegen versammeln zum Beispiel in ihren privaten Räumen, aber natürlich auch in den Kirchen und Kapellen. Unsere Kirchen öffnen durch das Gebet – das ist ein sehr lohnender Gedanke, der in die Tat umgesetzt werden sollte. Ein zweites kommt dazu: Ich glaube, dass es gerade die Vielfältigkeit liturgischer Formen braucht, um die Menschen eucharistiefähig zu machen, weil diese im Geist und Gemüt einen Zugang zur großen Feier der Eucharistie vorbereiten.

Viele dieser gottesdienstlichen Feiern, zum Beispiel Kreuzweg, Maiandacht, Rosenkranz, wurden treu von gläubigen Laien durchgeführt. Dieser traditionelle Schatz, zu dem auch die Feier des Stundengebetes, etwa der sonntäglichen Vesper, gehört, ist sehr wertvoll. Aber unsere Zeit muss – wie jede vorher — auf Grund der veränderten Situation Neues mit dem Alten verbinden. So sind meditative, charismatische und auch bewusst »niederschwellige« neue Formen entstanden: das Taizé-Gebet zum Beispiel oder Lobpreis-Gottesdienste mit der Möglichkeit zu freiem Beten. Aber auch Gottesdienste an ungewöhnlichen Orten oder unter neuer ästhetischer Ausgestaltung, wie zum Beispiel in Jugendkirchen.

In diesem Zusammenhang erscheint mir die Wiederentdeckung der Bedeutung des Wortes Gottes infolge des Zweiten Vatikanischen Konzils eine der zentralen Antworten der Kirche auf die »Zeichen der Zeit« zu sein. Ältere Gläubige erinnern sich sicher noch daran, dass der Wortgottesdienst als »Vormesse« noch nicht einmal der streng genommenen Sonntagspflicht unterlag. Das Konzil hat völlig richtig erkannt, dass die große Herausforderung der Zeit darin besteht, dass die Menschen sich ihres Glaubens wieder auf neue Weise bewusst werden müssen, um sich für Christus und seine Kirche entscheiden zu können. Daher rückt die Verkündigung des Wortes Gottes, insbesondere des Evangeliums, viel stärker in die Mitte.

So hält das Konzil fest, dass Christus nicht nur in den eucharistischen Gestalten, sondern auch im Wort Gottes und in der feiernden Gemeinde vollständig gegenwärtig ist (vgl. SC 7). Mit dieser Rückbesinnung auf die Verkündigung des Wortes Gottes, auf eine lebensnahe Auslegung und das authentische Leben dieses Wortes in konkret erfahrener Gemeinschaft eröffnen sich neue Möglichkeiten, Brücken zu fragenden und suchenden Menschen unserer Zeit zu schlagen. In diesem Sinn bietet gerade die Wort-Gottes-Feier mit ihren unterschiedlichen Gestaltungsmöglichkeiten eine wichtige missionarische Chance, auch andere Zielgruppen bewusst und »passgenau« anzusprechen.

Warum gibt es dann aber jetzt mit dem neuen Seelsorgekonzept des Bistums wieder die Möglichkeit, die Wort-Gottes-Feier mit der Kommunionspendung zu verbinden?

Entscheidend waren im Verlauf des Prozesses der Entstehung unseres neuen Seelsorgekonzepts die Dialogveranstaltungen, die der Bischof zusammen mit dem Katholikenrat vor Ort in den Jahren 2011 und 2012 geführt hat. Dort wurde mit steter Regelmäßigkeit immer wieder von vielen Gläubigen, für die die Heilige Messe unzweifelhaft eine Herzensangelegenheit ist, die dringende Bitte geäußert. das grundsätzliche Verbot aufzuheben. Die jeweilige pastorale Situation vor Ort sollte mehr Gewicht bekommen als die starre Regel.

Auf Unverständnis stieß immer wieder, dass eine solche Wortgottesfeier mit Kommunionspendung in einem Altenheim, dessen Gottesdienst ja auch öffentlich ist, erlaubt war, in der Pfarrkirche am selben Ort jedoch nicht. Auch die uneinheitliche Regelung in den deutschen Bistümern hat für Verwirrung gesorgt. Das offizielle liturgische Buch der Deutschen Bischofskonferenz zur Wortgottesfeier sieht bei den möglichen Feierformen auch die Wortgottesfeier mit Kommunionspendung vor. Es ist nicht hilfreich, die Eucharistiefeier und die Wortgottesfeiern gegen einander zu setzen. Es gibt ein tiefes inneres Band, das beide Liturgien miteinander verbindet.

Auch die Wortgottesfeier am Sonntag in den Gemeinden steht nicht nur durch die verbindlichen gemeinsamen Schrifttexte im inneren Bezug zur Eucharistie, die die Kirche am Tag des Herrn feiert. In den Diaspora-Diözesen der früheren DDR hat man schon früh ein Modell entwickelt, bei dem Kommunionhelfer die Kommunion aus der zentralen Messfeier mit in die Diaspora-Stationen nahmen. So wurden die, die nicht an der Eucharistie teilnehmen konnten, mit in die große Feier der Kirche eingebunden, und die kleinen versprengten Gemeinden konnten auch am Sonntag zusammenkommen im Bewusstsein von der großen Gemeinschaft der Kirche im einen Leib Christi mitgetragen zu sein. In diesem Sinn richtet sich eine Kommunionspendung in der Wortgottesfeier nicht gegen deren Eigenwert und Eigenständigkeit.

Sie verunklart auch nicht das Wesen der Eucharistie, sondern macht das innere Band, das beide miteinander verbindet, erfahrbar. Ein Blick in die Weltkirche zeigt zudem, dass sich die dort übliche Praxis der Wort-Gottes-Feiern meist mit Kommunionspendung an Sonntagen nicht gegen die Eucharistie richtet, sondern die geistliche Gemeinschaft vor Ort und die Freude an der eucharistischen Feier der vollen sakramentalen Gemeinschaft in Christus lebendig hält. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass auch die Notwendigkeit des Priesters, der die Heilige Messe feiert, noch mehr geschätzt wird, als ich das teilweise in unseren Breiten erlebe. Erst jüngst auf der ersten Kundschafterreise nach Nicaragua hat die Gruppe, die mit mir dort war, diese Erfahrungen machen können.

Wie ist es dann zur konkreten Regelung im neuen Seelsorgekonzept gekommen?

In der Arbeitsgruppe zu Gemeindepastoral 2015, die sich mit liturgischen Standards beschäftigt hat, haben wir zunächst versucht, Kriterien zu entwickeln, nach denen eine Kommunionspendung künftig möglich oder eben nicht möglich sein sollte. Natürlich sind bei uns die Distanzen deutlich geringer als im entsprechenden weltkirchlichen Vergleich. Dennoch können für uns vergleichbar geringe Entfernungen für andere Menschen, insbesondere ältere oder körperlich eingeschränkte, geradezu unüberwindlich groß sein. Nach eingehender Abwägung haben wir vorgeschlagen, dass nur vor Ort mit genauem Blick auf die pastorale Situation entschieden werden kann. Grundsätzlich hat die Wort-Gottes-Feier ihren eigenen Wert auch ohne die Kommunionspendung. Diese bildet daher nicht die Regel, sondern ist je nach Situation zu begründen. Diesem Ergebnis der Arbeitsgruppe ist das Diözesane Forum VI gefolgt, und so wurde es vom Bischof bestätigt. Dementsprechend hat es dann seinen Niederschlag in den liturgischen Standards unseres Seelsorgekonzepts gefunden.

Es ist wichtig und ein auch Zeichen der Beteiligung der Menschen in unserem Bistum, dass hier ein intensiver gemeinsamer Beratungsprozess vollzogen wurde, dessen Ergebnis mit der Entscheidung des Bischofs jetzt für alle verbindlich ist. Der einschlägige Passus unter den Standards zur Liturgie (»Der Geist ist es, der lebendig macht« / Punkt 5.4.3.2.2.) spiegelt meines Erachtens sehr schön die vorangegangene Diskussion wider, wenn es dort heißt: »In der Regel wird eine Wort-Gottes-Feier ohne Kommunionspendung gefeiert. Aus pastoralen Gründen kann eine Kommunionspendung vorgesehen werden.« Mit dieser Regelung vertraut man der theologischen Kompetenz der Verantwortlichen in den Pfarreien, die selbst entscheiden können, wann eine Kommunionspendung sinnvoll ist und wann nicht.

Und was heißt das jetzt für die Praxis?

In dem eben zitierten Passus heißt es auch ganz klar: »Wortgottesfeiern müssen in den jeweiligen Gemeinden im Wechsel mit Eucharistiefeiern stattfinden, um den Gläubigen zumindest in regelmäßigen Abständen die Teilnahme an einer Eucharistiefeier vor Ort zu ermöglichen.« Diese Vorschrift macht deutlich, dass die eigentliche Feier des Sonntags die Eucharistiefeier ist. Die Wortgottesfeier kann an ihre Stelle treten, wenn eine Eucharistiefeier nicht möglich ist. In diesem Sinn erfüllt man dann damit auch seine Sonntagspflicht. Dennoch bleibt klar: Die Wortgottesfeier kann und soll die Eucharistie nicht auf Dauer ersetzen.

In dem neuen Seelsorgekonzept steht die Feier der Eucharistie an ganz zentraler Stelle (Punkt 5.4.3.2.1): Alle Pfarreien sollen am zentralen Gottesdienstort eine Eucharistiefeier als Hauptgottesdienst zu einem verlässlichen Zeitpunkt in ihrem Gottesdienstplan vorsehen. So wird die Feier der Eucharistie als die geistliche Mitte der neuen Pfarrei gesichert. Jeder Gläubige hat damit die Sicherheit der verlässlichen Feier der Eucharistie in seiner Pfarrei. Wortgottesfeiern sind dann möglich und sinnvoll, wenn sonntags nicht mehr in jeder der neuen Gemeinden eine Eucharistiefeier angeboten werden kann.

Darüber hinaus ist es ein wichtiges Anliegen von »Gemeindepastoral 2015«– es ist als Soll-Bestimmung im neuen Seelsorgekonzept festgehalten (Punkt 5.4.3.2) –, dass in den Gemeinden vor Ort die Kirchen an den Sonn- und Feiertagen (und soweit wie möglich natürlich auch an Werktagen) nicht abgeschlossen und leer bleiben, sondern mit Gebet und Gottesdienst erfüllt werden, auch wenn es vielleicht nur eine kleine Gemeinschaft ist, die sich trifft. Das kann durch eine Wortgottesfeier geschehen, aber auch durch eine andere Form des gemeinsamen Gebetes. Hier können auch besondere missionarische Akzente mit neuen Gottesdienstformen erprobt werden. Vielfach bietet sich hierfür besonders der Sonntagabend an. Das Seelsorgeteam unter der Leitung des Pfarrers erstellt zusammen mit dem Pfarreirat vor diesem Hintergrund einen verbindlichen Gottesdienstplan, der integraler Bestandteil des Pastoralkonzeptes der Pfarrei ist.

Sie sehen also nicht die Gefahr einer Konkurrenzsituation zwischen Eucharistie und Wortgottesfeier?

Nein. Die Feier der Eucharistie und die anderen liturgischen Formen gehören im Innersten zusammen. So sieht es auch das Konzil. Deshalb ist es unerlässlich, dass alle, die mit der Leitung von Wortgottesfeiern beauftragt werden, eine geistliche Beziehung zur Eucharistie haben. Das gehört zu den Kriterien bei der Aus-wahl geeigneter Personen. Ich bin sehr dankbar, dass sich Frauen und Männer in unserer Diözese in einem ersten Kurs schon haben ausbilden lassen. Mit bischöflicher Beauftragung können sie jetzt diesen wertvollen Dienst in ihren Gemeinden tun.

Der nächste Ausbildungskurs beginnt im März und es sind noch Plätze frei. Das Seelsorgekonzept unseres Bistums lässt den Verantwortlichen vor Ort einen großen pastoralen Gestaltungsraum, mit dem wir evangelisierend und missionarisch auf die Herausforderungen der Zeit antworten können. Aber es hat einige wenige, notwendige Fixpunkte, die für alle gelten. Es sichert die Vorrangstellung der Eucharistie, aber stellt diese nicht gegen andere Formen, sondern stärkt das innere Band, das alles zusammenhält.

Es will, dass der Sonntag als Tag des Herrn auch vor Ort noch erfahrbar bleibt und unsere Kirchen, die wir so weit wie möglich erhalten wollen, nicht museal werden, und unsere Gemeinden gerade am Tag des Herrn nicht ohne Glockengeläut und Sammlung der Menschen zum Gebet und Gottesdienst bleiben. Deshalb hält unser Seelsorgekonzept auch eindeutig fest: »Die Eucharistiefeier ist die angemessene Form, den Sonntag als Tag des Herrn zu feiern. Die Gemeinden, die keine Eucharistie feiern können, sollen sich zu einer Wort-Gottes-Feier, zur Tagzeitenliturgie, zu einer Andacht oder einer anderen Gebetsform versammeln... So werden die Gläubigen einander und ihren Herrn nicht aus den Augen verlieren, und ihre Sehnsucht nach der Eucharistie wird lebendig bleiben.« (Punkt 5.4.3.2)

Interview mit dem Domkapitular Franz Vogelgesang, Leiter der Hauptabteilung Seelsorge im Bischöflichen Ordinariat in »der pilger«, 4/2017

Liturgiegeschichte – Ballast oder Wegweiser? – Ein Beitrag der Liturgiewissenschaft für die Zukunft der Kirche

»Tut dies zu meinem Gedächtnis« — mit dieser Aufforderung enden die sogenannten Wandlungsworte im Eucharistischen Hochgebet einer jeden Messe. Die Kirche sah sich von Anfang an diesem Vermächtnis ihres Herrn verpflichtet. Was aber ist mit »dies« gemeint? Sind nicht die Erscheinungsformen der Feiern, mit denen die christlichen Gemeinden ihren Auftrag zu erfüllen glauben, höchst verschieden? Was verbindet eine orthodoxe Göttliche Liturgie mit dem Abendmahlsgottesdienst einer evangelikalen Gemeinde? Selbst innerhalb ein und derselben Kirche sind die Unterschiede gravierend, etwa zwischen einer weitgehend improvisierten Jugendmesse und einem Hochamt nach dem Missale Romanum von 1962.

Noch problematischer wird es, wenn man in die Geschichte zurückgeht: Was wissen wir darüber, wie der Gottesdienst in früheren Zeiten tatsachlich gefeiert und erfahren worden ist? Je weiter man zurückgeht und sich der Zeit Jesu nähert, desto unschärfer wird das Bild der tatsachlichen Zustände. Man könnte sich mit dem Ist-Zustand begnügen. Manche Kritiker der gegenwärtigen Liturgie setzen die Tradition absolut und lehnen ihre historischkritische Hinterfragung ab. Der Verzicht auf liturgiehistorische Forschung wäre aber nichts anderes als liturgischer Kreationismus. So wenig wie die Kirche auf eine historisch-kritische Bibelwissenschaft verzichten kann, kann sie auch auf eine historisch-kritische Erforschung ihrer Tradition, insbesondere der liturgischen, verzichten. Grundlagenforschung ist ein Kerngeschäft der Theologie, die Glaube und Vernunft in Einklang zu bringen hat.

Die Liturgiewissenschaft hat von daher neben ihrer systematisch- und praktisch-theologischen Ausrichtung ein Standbein in der Geschichte. Mythos »Goldene Zeit der Väter« Grundlagenforschung ist das eine, aber wie vermittelt man deren Erkenntnisse? Längst hat sich unter Historikern die Erkenntnis durchgesetzt, dass es eine voraussetzungsfreie, rein objektive Geschichtsschreibung nicht gibt. Stets geht man von Vorverständnissen aus, über die man sich Rechenschaft zu geben hat. Die Liturgiewissenschaft im deutschen Sprachgebiet hat dies unlängst auf dem zusammen mit ihrem Sprecher Professor Dr. Benedikt Kranemann (Erfurt) vom Bonner liturgischen Seminar im Kardinal-Schulte-Haus in Bensberg organisierten Fachkongress »Bilder, Modelle, Beschreibungen der Liturgiegeschichte« unternommen.

In Vorträgen und Diskussionen, aber auch auf einer fußläufigen Erkundung der stadtkölnischen Liturgiegeschichte, ging es um Erkenntnisse und deren Vermittlung in die Gegenwartskultur. Zur Sprache kamen auch Wissenschaftsmythen wie die einer »goldenen Zeit der Väter« und die damit verbundene Verfallshypothese inwichtiges Dokument für die erneuerte Liturgie ist die sogenannte Traditio Apostolica, eine Kirchenordnung, die bis vor wenigen Jahrzehnten dem römischen Bischof Hippolyt zugeschrieben und dementsprechend auf das frühe dritte Jahrhundert datiert wurde. Deren Rekonstruktionsversuch gab das Material her unter anderem für unser Zweites Eucharistisches Hochgebet (Gotteslob 588) und das Bischofsweihegebet.

Heute wissen wir, dass weder Autor noch Entstehungszeit und -ort den bisherigen Zuschreibungen entsprechen. Bleibt also nur noch die »Dekonstruktion« — die Zerstörung traditioneller Sinnzusammenhänge? Dies wäre eine Kapitulation der Liturgiewissenschaft als Theologie. Sie darf aber auch kein neues Einheitskonstrukt errichten wollen, was ihrem wissenschaftlichen Anspruch widerspräche. Die reizvolle Aufgabe der Liturgie-Geschichtsschreibung der Zukunft besteht darin, die Identität der liturgiefeiernden Kirche in kultureller Pluralität und geschichtlichem Wandel darzustellen und so das Verständnis für die unterschiedlichen Formen der Gottesbegegnung in der feiernden Versammlung von Gläubigen zu wecken und die Wertschätzung spiritueller Vielfalt zu fördern.

Albert Gerhards

(Prof. Dr. Albert Gerhards lehrt Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Universität in Bonn und ist Priester im Bistum Aachen)

entnommen aus: Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln, Ausgabe 39/16

Liturgie, die; der Gottesdienst; das gemeinsame Tun

Christen verstehen unter Liturgie den offiziellen Gottesdienst der Kirche. Von seiner griechischen Wurzel her bezeichnet der Begriff ursprünglich ein »Tun (ergon) des Volkes (lads)«. Dies ist jeweils in zweifacher Weise zu verstehen: Das Volk tut etwas, zugleich aber wird für dieses Volk etwas getan. Ebenso: Der Mensch dient Gott, aber zugleich dient auch Gott dem Menschen. Die Bewegung »von oben nach unten« steht an erster Stelle: Im Gottesdienst handelt Gott durch Christus an uns. Er hat uns zusammengerufen und ist darum in seiner Gemeinde gegenwärtig. Er spricht uns an in den Lesungen aus der Heiligen Schrift. Er tut etwas an uns in den Sakramenten. Er schenkt sich selbst in der Eucharistie. Er vergibt, stärkt, verheißt seine Begleitung. Unser Tun ist dann Antwort hierauf: Wir richten unser Gebet an ihn, bitten und danken, hören und schweigen, feiern und singen. Liturgie ist also immer dialogisch. Sie geht von Gott zu uns und von uns zu Gott.

So verbindet sie auch uns Menschen untereinander. Wo sie als »Vorstellung« einer weniger Akteure vor einem passiven Zuschauer-Publikum erfahren wird, im schlechtesten Fall als One-Man-Show, ist sie entstellt. Denn Christus handelt an allen Gliedern des Volkes Gottes, alle sind Empfangende und Beschenkte.

Zugleich ist das gesamte Volk Gottes Träger der Liturgie. Das Neue Testament spricht hier selbstverständlich vom Priestertum aller Getauften (vgl. 1 Petr 2,9). Erst auf dieser Grundlage differenzieren sich verschiedene Rollen und Dienste, zu denen auch der Amtspriester gehört. Paradoxerweise ergibt sich aus diesem Dialoggeschehen auch der »offizielle« und objektive Charakter von Liturgie: Auch wenn sich jeder Einzelne persönlich angesprochen fühlt und in der je eigenen Rolle authentisch einbringt, geht es im Kern nicht um die individuelle Befindlichkeit, die leicht in eine individualistische Vereinzelung führt.

Es geht um ein gemeinsames Tun und eine gemeinschaftliche Erfahrung, die über alles nur Eigene hinaus zur Kirche Christi verbinden. Liturgie baut Kirche auf. Kirche realisiert sich in der Liturgie. Liturgie ist »der Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt« (Zweites Vatikanisches Konzil). Wer aus der Kraft der Sakramente lebt und das Kirchenjahr mitfeiert, wird immer mehr hineingezogen in das Geheimnis Christi.

Eine lebendige Spiritualität aber speist sich nicht allein aus der offiziellen Liturgie, sondern wesentlich auch aus dem privaten Gebet, aus Brauchtum und Volksfrömmigkeit. Verkündigung und Diakonie, gemeinsam mit der Liturgie Wesensvollzüge der Kirche, kommen zwar im Gottesdienst vor, müssen sich aber auch außerhalb eigenständig entfalten. Und nicht nur der kultische Raum, sondern vor allem der gelebte Alltag ist der Ort, an dem Gott an mir handelt und ich ihm antworte. Liturgie ist immer auch Sendung und führt mich tiefer in die Welt und zu den Menschen. Sie führt ins Lebenszeugnis. Je mehr ich mich in einer alltäglichen Praxis existenziell auf Christus einlasse, umso ehrlicher werde ich Liturgie feiern können.

Dr. Cornelius Bohl OFM